Zitat

Rote Pille oder blaue Pille?

Ihr Vortrag ist die rote Pille

Morpheus zu Neo, als er ihm gegenübersitzt, um die Wahrheit zu erfahren:

This is your last chance. After this there is no turning back. You take the blue pill, the story ends. You wake up in your bed and believe whatever you want to believe. You take the red pill, you stay in Wonderland, and I show you how deep the rabbit hole goes. Remember, all I’m offering is the truth. Nothing more. – Morpheus

Ihr Vortrag ist die rote Pille. Nach dem Vortrag ist Ihr Publikum nicht mehr dasselbe. Sie haben es ganz tief mit in den Kaninchenbau genommen, haben ihm etwas gezeigt, das es nicht mehr vergessen kann. Es kennt die Wahrheit … und kann sich entsprechend verhalten.

Allerdings waren Sie nicht so fair wie Morpheus, denn Ihr Publikum hatte keine Wahl so wie Neo. Sie haben es vorher nicht gefragt, ob es lieber die blaue Pille möchte. Es sitzt dort und hört Ihnen zu.

Oder bieten Sie Ihnen doch nur eine rot angemalte Version der blauen Pille? Haben ein paar Fakten zusammengetragen, ein paar schicke Folien, ohne den Willen, wirklich etwas zu verändern?

In Wahrheit stehen nämlich Sie vor der Wahl: Biete ich meinem Publikum eine echte oder eine falsche rote Pille und bin ich bereit, den Aufwand für eine echte rote Pille zu treiben?

Am Anfang gaben wir das Geld zurück, wenn wir nicht gut waren

Das beste Investment für Vortragende

Als Keith Johnstone in Calgary sein Improvisationstheater gründete, taten er und seine Mitstreiter etwas ungewöhnliches:

Am Anfang gaben wir das Geld zurück, wenn wir nicht gut waren …

Es ist leicht, die Anwesenheit des Publikums als selbstverständlich anzusehen. Doch das ist es nicht. Als Vortragende haben wir – genau wie Schauspieler – unsere Daseinsberechtigung durch das Publikum.

Wir hätten gerne, dass die Zuhörer wegen uns da wären, aber tatsächlich ist es umgekehrt.

Jedoch: Wenn sich die Zeit, die uns die Zuhörer schenken, für sie lohnt, dann kommen sie wieder, bauen Vertrauen auf, kaufen. Die besten Vortragenden sind die, die die Zeit, die ihr Publikum ihnen schenkt, mehr als zurückzahlen, indem sie handfesten Nutzen bieten, emotional berühren, und das Leben ihrer Zuhörer positiv verändern.

Das beste Investment, das man als Vortragender machen kann, ist in das Publikum zu investieren. Genau hinzuschauen, wer da sitzt, was sie braucht und warum er gekommen ist.

Übrigens hat Keith Johnstones Publikum so reagiert:

… und als das Publikum dann aus dem Theater ging, versuchten sie etwas positives zu sagen […] und sie kamen wieder, weil sie neugierig waren, wie denn eine gute Performance aussähe.

Und hier ist Ihre Aufgabe: Wenn Sie die Zeit, die Ihr Publikum investiert, kompensieren würden, wenn Sie nicht gut waren, was würden Sie an Ihrer Vorbereitung ändern?

Schubladendenken

„Du solltest aufhören, in Schubladen zu denken. Musik ist entweder gut oder schlecht.“ – Duke Ellington

Präsentationen auch. Es gibt keine Regel, außer diese eine: Haben Sie etwas bewirkt?

Ob Sie dafür 300 Folien brauchen oder 3. Ob Sie Geschichten erzählen oder Fakten präsentieren. Ob Sie die Bühne rauf und runter tigern oder still an Ihrem Platz stehen.

Wenn Sie die Zuhörer ins Mark treffen, dann ist es richtig.

Aber andererseits: „It don’t mean a thing if it ain’t got that swing“.

Wichtig oder nicht wichtig

Entweder ist es dir wichtig oder nicht. Es gibt keinen Mittelweg. Und wenn es dir wichtig ist, dann geh den Weg zu Ende. – Stanley Kubrick

Wenn Sie nicht bereit sind, den Weg zu Ende zu gehen, dann ist es Ihnen nicht wirklich wichtig.

Ein bisschen verständlich, ein bisschen eindringlich, ein bisschen überzeugend ist den Aufwand nicht wert, denn es ist als Ziel schlecht unterscheidbar von gar nicht verständlich, gar nicht eindringlich, gar nicht überzeugend.

Wenn Sie Ihr Produkt nur ein bisschen verkaufen wollen, ist es dann also ok, wenn die Kunden nicht kaufen?

Wenn Sie Ihre Mitarbeiter nur ein bisschen inspirieren wollen, nehmen Sie dann in Kauf, dass es doch so weiter geht wie bisher?

Und wenn Sie Ihre Zuhörer nur ein bisschen überzeugen wollen, sind dann Zweifel also angebracht?

Entweder Sie wollen, dass man Sie versteht oder nicht. Entweder Sie wollen inspirieren oder nicht. Entweder Sie wollen verkaufen oder nicht. Ihr Publikum spürt, wenn Sie nicht bereit sind, den Weg zu Ende zu gehen.

Das entscheidende Wort dabei ist „nicht“. Erst dadurch, dass Sie zu den meisten Aspekten „nicht wichtig“ sagen, ist es möglich, zu den richtigen Sachen „wichtig“ zu sagen und das auch so zu meinen. Erst dann können Sie diesen Weg auch zu Ende gehen und den Aufwand investieren, der nötig ist, um das Ende zu erreichen.

Die besten Zuhörer

Wie wird man ein großartiger Musiker? Indem man ein großartiger Zuhörer wird, sagt Ausnahme-Gitarrist Pat Metheny.

Metheny hat bis heute unglaubliche 20 Grammys gewonnen und zählt zu den angesehensten und einflussreichsten Jazz-Gitarristen der Welt. Er hat sich immer wieder neu erfunden und neue Grenzen ausgelotet: von Bebop bis Pop („This is not America“ mit David Bowie), von Free Jazz bis New Age. Ohne handwerkliche Brillanz wäre das nicht möglich gewesen. Doch fragt man Pat Metheny, ist es nicht die Fähigkeit, zu spielen, die einen Musiker besonders macht. Die besten Musiker sind die, die am besten zuhören können. Nur wer zuhört, kann beurteilen, ob das, was er da gerade spielt, gut ist. Nur wer anderes hört, kann Neues aufnehmen.

The best musicians are not the best players, they’re the best listeners. – Pat Metheny

Es lohnt sich, zuhören zu lernen

Wer herausragend präsentiert, ist in einer ganz ähnlichen Situation. Es scheint, als wäre das, was jemand sagt und wie sie es sagt, wie sie sich bewegt und spricht, die entscheidende Fähigkeit. Doch dabei übersieht man leicht, dass Zuhören für gute Vortragende mindestens ebenso wichtig ist.

Vor dem Vortrag: Warum investieren die Kunden Ihre Zeit, um mir zuzuhören? Was verspricht sich das Publikum von meinem Vortrag? Was erwarten meine Mitarbeiter von mir?

Während der Vorbereitung (insbesondere sich selbst): Funktioniert der rote Faden so, wie ich mir das gedacht habe? Passt der Übergang?

Während des Vortrags: Welche Atmosphäre ist im Raum? Wie reagieren die Zuhörer? Soll ich die Stimme ganz dezent modulieren, weil ich spüre, dass hier gerade etwas ganz besonderes passiert?

Während der Diskussion: Was genau meint sie? Gibt es Zwischentöne?

Nach dem Vortrag: Was sagen die Zuhörer über den Vortrag? Was kann ich besser machen? Kann ich von der Video-Aufzeichnung noch etwas lernen?

Unabhängig vom konkreten Vortrag: Wie präsentieren andere? Was gefällt mir? Was nicht?

Nur wer aufmerksam in sich und auf andere lauscht, findet angemessene Antworten auf diese Fragen.

Es lohnt sich, zuhören zu lernen.

Hörtipp: Als ich das Album Imaginary Day, für dessen berühmtes Cover der Designer Stefan Sagmeister eine eigene Zeichensprache entwickelte, zum ersten Mal hörte, saß ich vollkommen gebannt vor dem CD-Player. Für den Song „The Roots Of Coincidence“ aus dem Album erhielt Metheny 1998 den Grammy für die beste Rock-Instrumental-Performance. Es war das erste Mal, dass Pat Metheny mit seiner Band in den Bereich harter Rockmusik vorgestoßen war.

Ich mach’ das spontan

Eines der größten Missverständnisse über Spontaneität ist, dass man spontan nur sein kann, wenn man sich nicht vorbereitet. Das Gegenteil ist der Fall. Fähig zu Spontaneität ist gerade derjenige, der auf viele Situationen vorbereitet ist, so dass er auch in unvorbereiteten Situationen mit höherer Wahrscheinlichkeit angemessen reagieren kann.

Ein guter Musiker etwa improvisiert deswegen so gut, weil er sein Handwerk beherrscht, technisch wie theoretisch. Weil er weiß, welche Tonart zu welcher anderen passt, wie man Spannung aufbaut und wie man sie wieder auflöst, was zu tun ist, wenn man mal auf der falschen Note gelandet ist, weil – wie Miles Davis einst sagte – erst die nächste Note sie gut oder schlecht macht. Ein geübter Improvisator hat schon viele falsche Noten gespielt. Er hat viele Kombinationen probiert, die mal funktionieren und mal nicht. Und er lernt daraus. Er verbessert stetig seine Spieltechnik, damit seine Hände wissen, was sie zu tun haben, wenn der Kopf etwas denkt. So ist der Kopf eben frei zu denken und nicht beschäftigt mit Kommandieren. Auch deshalb kann er leichter auf Unvorhergesehenes reagieren, kann auf das Publikum eingehen, mit seinen Mitmusikern interagieren. Gerade weil er gut vorbereitet ist.

Zwar mag auch, wer wenig Erfahrung hat oder sich nicht mit möglichen Fehlern beschäftigt hat, in unerwarteten Situation durchaus angemessen reagieren, möglicherweise auch ganz spontan; manchmal kommt das Gute aus völlig unerwarteter Richtung. Allerdings eben zufällig. Nich verlässlich. Nicht dann, wenn man es braucht.

Spontaneität als verlässlicher Partner

Wenn Spontaneität aber erst dann zum verlässlichen Partner wird, wenn man sich ordentlich vorbereitet hat, warum scheuen dann so viele Vortragende die Vorbereitung? Winden sich, prokrastinieren, reden sich heraus, indem sie sagen „Spontan wirke ich natürlicher“? Lisa Braithwaite vermutet in ihrem Buch „Presenting for Humans“:

I have a theory about why preparation is so painful and difficult for speakers. I think speakers who “wing it” are far more afraid of failure and rejection than those who prepare, although it might seem to be the opposite.

[…]

What happens if you prepare and still fail? That’s the ultimate reality you’re trying to avoid, because perhaps then you’ve really wasted your time. You think, “What’s the point? If I prepare, I still suck, so why bother?”

Indem ich also auf die sorgfältige Vorbereitung verzichte, befreie ich mich von der Last des möglichen Scheiterns. Denn im Zweifel war’s einfach nicht mein Tag. Und überhaupt kann ich im Nachhinein ja auch immer vorbringen: Hätte ich mich mehr vorbereitet, dann hätte ich es ja auch viel besser gemacht. Wenn umgekehrt alles gut läuft, ja dann kann ich sogar stolz auf mich sein, weil ich das alles aus dem Ärmel geschüttelt habe. Denn ich bin eben ziemlich spontan.

Bin ich vielleicht. Oder ich habe einfach nur Glück gehabt.

Darauf möchte ich mich aber nicht verlassen. Ich möchte meinen Kopf frei haben zum Denken. Möchte wissen, was als Nächstes kommt, nicht ständig nach den passenden Übergängen suchen und um Worte ringen. Möchte meinen Kopf nicht belasten mit der Suche nach dem roten Faden. Nicht ständig falsche Töne korrigieren. Ich möchte, dass mein Kopf frei und wach ist, wenn ich im Fall der Fälle spontan reagieren muss, um aus einem unerwarteten, falschen Ton einen richtigen zu machen.

Lernen statt Lästern

Werner Herzog über schlechte Filme:

The bad films have taught me most about filmmaking. Seek out the negative definition. Sit in front of a film and ask yourself, “Given the chance, is this how I would do it?” It’s a never-ending educational experience, a way of discovering in which direction you need to take your own work and ideas.

“Given the chance, is this how I would do it?”

Es wäre viel geholfen, wenn nicht immer nur alle lästerten oder meckerten oder dem Chef nach dem Mund redeten. Kritisieren lernen – und sei es bloß still – ist Gold wert. Gelegenheit dazu gibt es genug.

„Warum finde ich den Vortrag langweilig?“, „Warum berührt er mich nicht?“, „Warum finde ich das Diagramm unübersichtlich?“, „Warum bleibt alles abstrakt?“.

Sind es die Folien? Die Art, wie er sein Publikum nicht anschaut? Ist es die fehlende Wertschätzung, weil er glaubt, wir kaufen ihm die Geschichte ab? Ist es die Art, wie sie doziert, statt mit uns zu reden? Ist es sein Vokabular, das mich nicht abholt?

Von schlechten Präsentation, gerade von den nicht gar so schlechten, lässt sich viel lernen. Entscheidend ist aber: Wenn ich an seiner Stelle wäre, wie würde ich es machen?

[Foto: Gorup de Besanez – „Werner Herzog bei den Filmfestspielen Venedig 1991“, Lizenz: CC-BY-SA]

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War früher alles besser?

Als ich damals als Doktorand begann, anders zu präsentieren, gab es eigentlich nur eine Reaktion: „Das kannst du nicht machen. Das ist unseriös. Gerade Wissenschaftler erwarten die vollständige Information auf den PowerPoints.“ Ich hab’s natürlich trotzdem gemacht und anschließend war die Reaktion immer gleich: „Mensch, heute hab’ ich wirklich ’was verstanden.“ Unseriös finde ich das nicht.

Bis heute höre ich noch diese Antwort: „Sie haben zwar recht, aber das kann man bei uns nicht so machen.“ Wie gerufen kam mir da Robin Detjes Kolumne in der aktuellen Cicero. Dort ärgert er sich über (das im Prinzip gleiche) Geschrei vom Untergang des Abendlandes, weil das gedruckte Buch bald vom digitalen eBook verdrängt wird:

Der ganze Kulturkonservatismus wird mir langsam widerlich – diese ständige Behauptung, dass alls Wahre, Gute, Schöne von gestern zu sein hat, während heute das Internet droht und Twitter uns alle zu lallenden Idioten machte. Ach, wie die alten Kulturkämpfer da in ihren selbst gebuddelten Schützengräben hocken und auf die Horden der verblödeten Jugend von heute warten, das ist wirklich ein lächerlicher Anblick. Ich würde mich viel lieber an dem freuen, was die Zukunft bringt.

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