Die Kultur des Zuhörens

Die meisten Menschen sind während eines Gesprächs damit beschäftigt, sich Gedanken darüber zu machen, was sie als nächstes sagen möchten.

Statt zuzuhören. Erst einmal zuzuhören.

In solchen Gesprächen fühlt man sich wie in einer Band, bei der alle Musiker Solisten sind und jeder bloß auf sein Solo wartet. Es ist ein Nebeneinander mehr oder weniger unabhängiger Erzählstränge, lose zusammengehalten durch ein Gesprächsthema, das aber von einer auf die andere Sekunde wechseln kann, weil irgendjemand sich an irgendeine Situation erinnert fühlt.

Diese Menschen wollen vor allem reden. Über sich, über ihre Erlebnisse, Erfahrungen, Einschätzungen. Sie wollen ihre Geschichte erzählen. Wissen zeigen. Meinungen äußern.

Statt Erkenntnisse zu erzielen, Fragen zu stellen, eine gemeinsame Geschichte zu erzählen. Gewissermaßen als Band gemeinsam Musik zu machen.

Dazu müsste man, statt sich auf seinen nächsten Text zu konzentrieren, zuhören. Auf den anderen hören. Was sagt der da eigentlich? Wie meint sie das? Das will ich genauer wissen! Wohin führt uns das? Diesen Weg kenne ich noch nicht, dort entlang möchte ich einmal gehen …

Ein Gespräch wächst durch Neugier. Es wird ertränkt in Redeschwall.

Gute Gespräche erfordern die Bereitschaft, sich auf neue Gedanken einzulassen. Nicht nur die Stichworte zu hören, die mir Sprungbrett für die nächste eigene Geschichte sind. Nicht nur Bestätigung zu hören für das, was ich gesagt habe, sondern gerade die Zweifel und Fragezeichen anzunehmen. Die Ideen und neuen Verknüpfungen wahrzunehmen. Die Chance zu nutzen, etwas zu lernen. Vielleicht sogar zu wachsen, motiviert zu werden, zu neuen Ufern aufzubrechen. Oder einfach nur am Leben des anderen teilzuhaben. Und anderen zu ermöglichen, dasselbe zu erreichen. Weil wir einander verstärken statt uns zu übertönen, gemeinsam beschleunigen statt uns gegenseitig zu überholen.

All das beginnt beim Zuhören. Und der Möglichkeit zum Zuhören.

Damit Gespräche gelingen, braucht es Pausen, die es meinem Gesprächspartner ermöglichen nachzudenken, zu assoziieren, zu vergleichen. Ich selbst muss Stille aushalten, um selbst reflektieren zu können. Und um nicht jeden Gedanken meiner Gesprächspartner zu ersticken in meinem eigenen Redefluss. Gedanken brauchen Zeit, um zu reifen, um weiterzuführen.

Zuhören bedeutet deswegen nicht bloß Hören, sondern Verstehen. Nachdenken. Ausreden lassen. Erklären lassen.

Wer redet, kann all das nicht.

Die Kunst des Gesprächs ist zuerst eine Kunst des Zuhörens.

Geteiltes Wissen ist gut für alle

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