Wie erschafft man eine Unternehmensidentität?

23.01.2012, Dr. Michael Gerharz

1969 wurde Saul Bass, Schöpfer zahlreicher stilprägender Logos und Filmvorspänne, von AT&T beauftragt, eine neue visuelle Identität für den amerikanischen Telefon-Monopolisten zu entwerfen. Das damals radikale Ergebnis erläuterte Bass den AT&T-Managern in diesem faszinierenden Video (27 Minuten):

In einer Zeit, in der Videos nicht auf YouTube-konforme 5 Minuten beschränkt waren, nimmt sich Bass die Zeit:

  1. ausführlich zu erklären, was eigentlich eine visuelle Identität leisten soll.
  2. dass die damalige Identität von AT&T nicht mehr zeitgemäß war.
  3. wie eigentlich ein Logo funktioniert.
  4. ausführlich seine Lösung für AT&T zu erläutern.

Besonders achten sollten Sie darauf, wie Bass nie irgendetwas einfach nur behauptet. Immer lässt er seine Zuschauer regelrecht spüren, was er meint.

Er nimmt sein Publikum emotional mit in die Zeit der Rezession, in die Zeit des Aufbruchs und in die moderne Zeit.

Saul Bass zeigt Bilder aus der amerikanischen Rezession.

Saul Bass zeigt die „modernen Zeiten“.

Er zeigt, was es beudetet, in einer Welt der visuellen Überflutung hervorzustechen.

Saul Bass zeigt die visuelle Reizüberflutung des Alltags.

Er zeigt, wie viele Varianten er durchdacht hat, bevor er zu seinem Ergebnis gekommen ist.

Saul Bass demonstriert den Aufwand, den sein Studio für die Entwicklung betrieben hat.

All’ das ist „Show, don’t tell“. Alles, was das Publikum selbst erkennen kann, muss man ihm nicht erklären. Denn, was es selbst erkennt, dazu bekommt es einen emotionaleren Bezug. Und Emotionen sind die Basis, auf der Argumente erst wirken.

Kleine Randnotiz: In diesem kurzen Video erläutert Saul Bass sein Verständnis des Designberufs.

I want everything I do to be beautiful. I don’t give a damn whether the client understands that that’s worth anything or whether the client thinks it’s worth anything or whether it is worth anything. It’s worth it to me. It’s the way I wanna live my life. I want to make beautiful things even if nobody cares.

(via Brand New)

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Tags:AT&T Bell Corporate Design Design Saul Bass Video


Es ist nicht alles Gold, was glänzt

16.01.2012, Dr. Michael Gerharz

Auf der größten Party der Welt putzt man sich fein heraus. Nicht kleckern, sondern klotzen, ist dort angesagt. Die CES ist die größte Party der Konsumelektronik-Welt, die jedes Jahr Anfang Januar in der Show-Stadt Las Vegas stattfindet.

Einer der größten Partylöwen ist dort Samsung. Natürlich haben auch sie sich mit ihrer Pressekonferenz ganz schön herausgeputzt für diese CES-Party. Hier ist ein kleiner Ausschnitt der Präsentation:

Sieht gar nicht schlecht aus, oder? Aber lange erträgt man es nicht (hier die gesamte Präsentation). Denn was hier glänzt, ist noch lange kein Gold. Aber woran liegt es, dass der erste Eindruck so weit vom zweiten entfernt ist?

Wo soll ich hinschauen?

Ständig ist irgendetwas in Bewegung. Auf der Leinwand funkelt und blinkt es. Ein Bild jagt das andere, alles ist animiert.

Das sieht zwar schicker aus als die übliche PowerPoint-Präsentation, ist aber auf Dauer auch nicht besser als die hereinfliegenden Bullet Points, die wir eigentlich schon vor zehn Jahren hinter uns gelassen hatten. Auf der Leinwand passiert so viel, dass man bisweilen gar nicht recht weiß, wo man hinsehen soll. In diesem Ausschnitt etwa gibt es vier Bereiche, die um die Aufmerksamkeit des Auges buhlen: den Redner, das Produkt mit animierten Bildschirm, die Überschrift und die Bullet Points.

Beispiel aus Samsung CES-Pressekonferenz

Was soll ich mir merken?

Jede ordentliche Präsentation braucht einen Küchenzuruf, den man sich merken kann. Aber wie bringt man Fernseher, Smartphones, Kühlschränke und Laptops unter einen Hut. Samsungs Antwort: Mit einer Phrase, die jede Firma aus jeder Branche zu jeder Zeit über jedes Produkt sagen würde: „Pushing Boundaries“ (dt: „Grenzen verschieben“). Geht es allgemeiner?

Samsungs CES-Motto: Pushing Boundaries

Wie unwohl Samsung sich selbst damit fühlt, erkennt man daran, dass in den einzelnen Abschnitten der Präsentation weitere Merksätze verwendet werden:

Samsung möchte das Leben der Konsumenten einfacher, smarter und angenehmer machen. Geht es allgemeiner?

Samsung „Zukunft der Komsumelektronik“

Samsungs Fernseher verschieben Grenzen durch „Smart Interaction“, „Smart Content“ und „Smart Evolution“. Geht es allgemeiner?

Samsung „Zukunft des Fernsehers“

Erreicht wird das durch die drei Bausteine „Inhalte“, „Dienste“ und „Verbindungen“, die die Zukunft der Konsumelektronik prägen. Geht es allgemeiner?

Samsungs Bausteine für den Fernseher der Zukunft

Was soll ich mir hier eigentlich merken? Auf drei verschiedene Weisen wird hier die „Zukunft der Konsumelektronik“ definiert. Einprägsam ist das nicht.

Ein Funkeln macht noch keinen Diamanten

Vielleicht ist das ja auch der Grund für die allzu opulente visuelle Gestaltung der Präsentation. Die sieht gut aus, keine Frage. Die visuelle Umsetzung des Mottos „Pushing Boundaries“ als Weltraum-Erkundung ist ok. Aber einprägsam ist das alles nicht. Weil es abstrakt (letztlich auch abgedroschen) bleibt, habe ich keinen Bezug zum Motto „Pushing Boundaries“. Und weil die Präsentation viel zu schnell daher kommt und ständig alles in Bewegung ist, habe ich auch keine Zeit, über die Bedeutung nachzudenken.

Für einen echten Party-Star braucht es doch mehr als nur schicke Klamotten.

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Tags:blenden CES Küchenzuruf Samsung unruhig


Hättest du geschwiegen …

09.01.2012, Dr. Michael Gerharz

Vor 195 Jahren wurde Werner von Siemens geboren. Das nahm das Unternehmen Siemens zum Anlass, eine iPad-App über das Leben seines Gründers zu produzieren. Die App zeigt im Stil der Cutout-Animation bedeutende Stationen im Leben des Werner von Siemens - und macht das hervorragend (leider gibt es den Film nicht zum Einbetten, daher hier nur der Trailer. Auf der zugehörigen Webseite können aber alle Teile auch ohne iPad angesehen werden).

Der Film zeigt Werner von Siemens als klugen und mutigen Geschäftsmann, der auf vorbildliche Weise Unternehmer- und Erfindergeist vereint. Das gelingt anhand von acht Episoden, die anekdotenhaft Ereignisse aus Siemens’ Leben erzählen. Die Episoden sind, nicht zuletzt durch die augenzwinkernde Cutout-Technik, sympathisch und bringen die prägenden Charakterzüge zum Vorschein, genau so, wie wir sie am besten verstehen: in Form von Geschichten, die auf das Wesentliche reduziert sind, sowohl erzählerisch als auch gestalterisch.

Natürlich soll der Eindruck, den man von Werner von Siemens gewinnt, auf das Unternehmen Siemens abfärben. Das gelingt auch sehr gut - bis zur letzten Minute, denn die hätte Siemens sich sparen sollen. Hier wird dick aufgetragen und Siemens als Vorzeigeunternemen ganz direkt beschrieben.

Jeder hatte sich das vorher gedacht. Doch indem der Film es explizit macht, wird es zur aufdringlichen Werbung und zum Selbstlob. Warum hat Siemens nicht einfach die Geschichten über seinen Gründer wirken lassen? Die sind objektiv erzählt, der Schluss ist subjektives Eigenlob.

Werner von Siemens – Lebenserinnerungen

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