Die 1-7-7-Regel für PowerPoint-Folien
Die 1-7-7-Regel für PowerPoint-Folien ist auch so eine sinnentstellte Regel. Was vielleicht einmal gedacht war, um das allerschlimmste zu verhindern, nämlich von oben bis unten mit ganzen Sätzen voll geschrieben Folien, hat sich mittlerweile verselbständigt und findet sich in unzähligen Präsentationsratgebern als sinnvolles Maß für die Textmenge auf Folien. Aus einer Maximalempfehlung ist auf diese Weise eine sinnentstellte Minimalregel geworden:

Das Problem: diese Regel ist schlicht
unbrauchbar und in den meisten Fällen ein schlechter Rat. Der
Präsentationsexperte Andrew Abela
bezeichnet in seinem Buch
Folien mit sieben Zeilen à sieben Wörtern gar als „die
schlimmstmöglichen Folien“. Aber wo kommt diese Regel eigentlich
her? Vermutlich geht sie zurück auf die Fehlinterpretation einer
wissenschaftlichen Veröffentlichung des Psychologen George Miller
aus dem Jahr 1956:
The Magical Number Seven, Plus or Minus Two: Some Limits on Our
Capacity for Processing Information. In dieser Studie zeigte
Miller, dass es anscheinend eine Grenze von ca. 7 (±2) Elementen
gibt, die unser Arbeitsgedächtnis aufnehmen kann, z.B.
sieben Ziffern, Wörter usw. (mittlerweile gibt es hierzu
detailliertere Untersuchungen).
Wie auch bei
Mehrabians Körpersprache-Studie beruht jedoch auch hier die
Übertragung der Studienergebnisse auf Präsentationen auf einem
grandiosen Missverständnis. Millers Regel sagt – wie der Autor
selbst schreibt – nichts, wirklich gar nichts aus „über
die Fähigkeit einer Person, gedruckte Texte zu verstehen.“ Der
bekannte amerikanische Informationsforscher Edward Tufte bringt das so auf den
Punkt:
So weit so gut. Aber dass Millers Erkenntnisse nicht auf Präsentationen übertragbar sind, bedeutet ja noch nicht, dass die 1-7-7-Regel nicht vielleicht doch sinnvoll sein könnte.Millers Regel sagt nichts über die Menge an Informationen aus, die in einer Präsentation gezeigt werden sollen (solange die Folien nicht aus nonsense-Silben bestehen, die das Publikum sich merken und einem Psychologen aufsagen soll).
Ist sie aber nicht, und zwar aus einem einfachen Grund: Der Mensch ist nicht besonders gut im Multitasking. Zwar können wir unterschiedliche Tätigkeiten gut parallel ausführen, z.B. können wir uns unterhalten, während wir spazieren gehen. Wir können auch Bilder betrachten und gleichzeitig einem Text zuhören, z.B. wenn wir einen Film ansehen. Diese Tätigkeiten benutzen aber jeweils unterschiedliche Kanäle in unserem Gehirn. Wir können aber nicht zwei Tätigkeiten in demselben Kanal gleichzeitig durchführen. Und genau das ist gefordert, wenn auf Folien viel Text steht. Das Publikum muss dann dem Vortragenden zuhören und gleichzeitig die Texte lesen, also zwei Tätigkeiten durchführen, die denselben Kanal verwenden.

Das wichtigste Argument, das häufig für die 1-7-7-Regel genannt wird, nämlich dass die Stichpunkte eine prägnante Betonung der wichtigsten Inhalte einer Präsentation darstellen, ist damit völlig wertlos, weil das Publikum sie gar nicht angemessen verarbeiten kann. Das bedeutet dann wohl im Umkehrschluss, dass die einzige Möglichkeit, 1-7-7-Folien überhaupt sinnvoll einzusetzen, darin besteht, sie vorzulesen. Wer aber so etwas schon einmal erlebt hat, der wird sich mit ziemlicher Sicherheit an dieses Gefühl erinnern:Um es ganz offen zu sagen: Die Wissenschaft zeigt, dass wir nicht multitaskingfähig sind. Wir sind biologisch unfähig, mehrere aufmerksamkeits-intensive Einflüsse gleichzeitig zu bearbeiten.















