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Von Buchtiteln lernen

Ich kenne kaum PowerPoint-Unternehmensvorlagen, die brauchbar wären; und das liegt vor allem daran, dass sich die meisten Vorlagen selbst zu wichtig nehmen. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, mache ich immer wieder diese Beobachtungen:

  • Formalismus steht zu oft über Funktionalität, z.B. „jede Folie braucht eine Überschrift“
  • die Vorlage ist voll mit Verzierungselementen, die keinerlei Funktion haben, und vom eigentlichen Inhalt ablenken
  • zu viele überflüssige Informationen, z.B. Datum, Ort, Dateiname, Abteilung usw.
  • und noch einiges mehr

Auf der anderen Seite haben Unternehmensvorlagen unbestreitbare Vorteile: einen hohen Wiedererkennungswert, eine visuelle Sprache, die (im Idealfall) mit den Werten und den Eigenschaften eines Unternehmens übereinstimmt und nicht zuletzt eine deutliche Erleichterung beim Erstellen von Präsentationen, weil sich nicht jeder Vortragende wieder aufs Neue selbst Gedanken über grundlegende Designentscheidungen wie Schrift oder Farben machen muss. Nur haben die meisten Vorlagen eben erhebliche Mängel (einige gute Beispiele finden Sie aber z.B. in Nancy Duartes hervorragendem Buch slide:ology).

Beispiele von Suhrkamp-Taschenbüchern

Als ich am Wochenende ein neues Buch aus dem Suhrkamp-Verlag aufschlug, fiel mir eine Werbebroschüre für die Taschenbuchreihe des Verlags in die Hände. Das Design dieser Reihe eignet sich ganz hervorragend, um etwas über Corporate Design, auch für Präsentationen, zu lernen. Der Suhrkamp-Verlag ist ein Pionier in der Gestaltung seiner Buchreihen und hat schon vor Jahrzehnten prägnante Profile für seine Buchreihen eingeführt (sehr bekannt sind z.B. die Regenbogenfarben der edition suhrkamp). Vor fünf Jahren hat der Verlag das Design seiner Taschenbuchreihe vollständig renoviert. Einige Bücher in dem Design sind rechts abgebildet.

Prinzipieller Aufbau eines Suhrkamp-Taschenbuch-Covers

Das Corporate-Design ist flexibel und sofort erkennbar zugleich. Es erlaubt eine gesunde Mischung aus Regeln und Freiheit, die dafür sorgt, dass der Inhalt im Vordergrund steht, die Zugehörigkeit zum Ganzen aber stets gewahrt bleibt. Die Regeln lauten in etwa so: viergeteiltes Cover, schmaler Streifen rechts, Logo im unteren Teil des Streifens an der Grenze zum oberen Teil, Schrift oben, Bild unten. Innerhalb dieser Regeln ergibt sich eine Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten, die ich im Folgenden nutzen möchte, um ein paar Anregungen und Tipps für die Gestaltung von Präsentationen zu geben.

1. Layout

Größenvariation der Bildmotive auf den Suhrkamp Taschenbüchern

Die Höhe des Bildbereichs ist variabel und legt die Aufteilung der vier Flächen fest. Dadurch kann das Motiv optimal auf den Buchtitel abgestimmt werden. Sehr plakativ gelingt das etwa bei dem Titel „Oben ist es still“, auf dem die Stille in der Luft förmlich sichtbar wird. Die übrigen festen Regeln geben den Büchern jedoch bei aller Freiheit eine übergreifende Zusammengehörigkeit.

Dominant ist in dem Design übrigens nicht das Logo des Verlags, sondern das Foto. An zweiter Stelle steht der Titel, erst danach das Logo. Erkennbar wird das Design also nicht dadurch, dass das Suhrkamp-Logo an prominenter Stelle prangt, sondern durch eine einheitliche Formensprache und der konsistenten Anordnung von Autor und Titel. Corporate Design ist eben mehr als nur ein Logo.

2. Farbe

Farbvariation auf Suhrkamp-Taschenbüchern

Die Farben der Suhrkamp-Taschenbücher sind weitgehend frei wählbar. Das erlaubt große Freiheiten in der emotionalen Ansprache, ein giftiges rot etwa für „Das böse Mädchen“, Blau- und Grautöne für Kälte usw. Wirkungsvoll ist hier gelegentlich, Farben aus den Fotomotiven im Umschlag aufzugreifen, eine Technik, die ich vor Kurzem an dieser Stelle erläutert habe.

Die farbliche Gestaltung nutzt Suhrkamp auch, um zusammenhängende Ausgaben zu gruppieren. So sind z.B. die Werke von Max Frisch (weitgehend) in blau gehalten, die von Thomas Bernhard in grün usw. In einer Präsentationsvorlage könnte man einen ähnlichen Effekt nutzen, um unterschiedliche Kapitel einer Präsentation visuell zu trennen oder unterschiedliche Farben unterschiedlichen Abteilungen zuzuordnen… Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt.

Zusammengehörigkeit durch ähnliche Farbgebung

3. Motiv

Die Bildelemente auf den Suhrkamp-Taschenbüchern sind normalerweise Fotos, (fast) nie Zeichnungen oder Collagen. Die Art der Fotos ist jedoch sehr unterschiedlich und ganz auf den Buchtitel abgestimmt. So finden sich Archivaufnahmen auf biographischen Werken, abstrakte Assoziationen des Titels wie bei „Ehrensache“, Verbildlichungen des Titels wie bei „Muschelstrand“, Fotos aus Verfilmungen („Das Leben der anderen“) oder Fotos der Autoren (z.B. von Thomas Bernhard). Immer haben die Fotos dabei den Sinn einer emotionalen Ansprache.

Unterschiedliche Bildmotive der Suhrkamp-Taschenbücher

4. Form

In einem starken Regelwerk kann man eine große Wirkung erzielen, wenn man die Regeln gelegentlich bewußt – aber äußerst sparsam – bricht. Suhrkamp tut dies zum Beispiel, indem gelegentlich einige Bildelemente über den Bildbereich hinausragen (z.B. auf „Der Schatten des Windes“). Dadurch erhalten die Titel eine räumlichere Wirkung. Hierbei hilft eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Designers: Formen zu erkennen und geschickt zu nutzen. Ein gutes Beispiel dafür ist auch die Felskante des Titels „Menschenflug“. Diese ersetzt die Trennlinie zwischen Foto- und Titelbereich. Das Cover hebt sich dadurch von den anderen Büchern ab, ist aber dennoch als Teil der Suhrkamp-Reihe deutlich zu erkennen.

Für Präsentationen gilt ähnliches: Wer bewusst, dabei aber immer begründet, die Regeln (seiner Vorlage) übertritt, kann auf diese Weise eine große Wirkung erzielen. Wer andererseits unter diesem Argument glaubt, sich an gar keine Regeln halten zu müssen, der riskiert, dass seine Präsentation als ein lose zusammengewürfelter Haufen von Folien daherkommt – anstatt als sorgfältig entwickelte und zusammengehörige Story zu wirken.

Ausnahmen in der Umschlaggestaltung, Ausnutzung der Bildformen

5. Andere Verlage

Inspirationen gibt es überall. Und auch wenn Suhrkamp ein Vorreiter in der Gestaltung ganzer Buchreihen war, gehen andere Verlage nicht weniger geschickt vor. Noch prägnanter – weil noch konsequenter – sind sicher die Taschenbücher des Diogenes-Verlags. Nehmen Sie sich doch beim nächsten Besuch einer Buchhandlung einmal ein bisschen Zeit mit und schauen sich um, wie die Verlage Ihre Buchreihen visuell zusammenstellen. Achten Sie dabei auch darauf, wie sich die verschiedenen Genres deutlich in Ihrer visuellen Sprache unterscheiden, etwa Science-Fiction, Fantasy, Liebesromane, historische Romane, Krimis etc.

Inspirationen finden Sie natürlich auch in etlichen anderen Bereichen. Achten Sie doch einmal darauf, wie in Zeitschriften mit Formen, Farben, Schriften und Bildmotiven gearbeitet wird, um ein einheitliches und gleichzeitig flexibles Erscheinungsbild herzustellen. Oder gehen Sie einmal mit offenen Augen durch den Supermarkt und lassen den Auftritt großer Marken wie Maggi, Knorr, Kellogg’s etc. auf sich wirken. Nicht alles davon ist auf Ihre nächsten Präsentationen übertragbar, aber vielleicht mehr, als Sie bis jetzt dachten.

Links zu dem Artikel
The Book Design Review, Blog über das Design von Büchern, besonders interessant: Favorite Book Covers of 2008
Begutachtung von Corporate Designs im jüngst mit dem Grimme-Online-Award augezeichneten Design Tagebuch
Älterer Artikel über Corporate Design in meinem Blog