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Der Sinn einer Gliederung

By 27. Januar 2008Allgemein
In unzähligen Konferenzen stoße ich immer wieder auf die allgegenwärtigen Gliederungsfolien. Auch mir wurde während meiner Zeit an der Uni ständig erklärt, dass jede Präsentation mit einer Gliederung zu beginnen habe, damit der Zuhörer wisse, was auf ihn zukommt. Außerdem sei das ein Service für den Zuhörer und gehöre damit gewissermaßen zum guten Ton.

Letztlich geht die Empfehlung auf eine der wahrscheinlich meistzitierten Weisheiten des Präsentierens zurück:

Im Vordergrund steht bei dieser Empfehlung die Maxime, den Zuhörern eine Botschaft mit auf den Weg zu geben und diese Botschaft möglichst einprägsam zu vermitteln. Man sollte demnach nicht einfach nur die eigentlichen Fakten als Aneinanderreihung von Informationen erzählen, sondern die Botschaft des Vortrags klar herausarbeiten („then tell ’em“), am Ende des Vortrags noch einmal die wesentlichen Punkte, die die Zuhörer mit nach Hause nehmen sollen, prägnant wiederholen („and finally tell ’em what you told ’em“), und zu Beginn des Vortrags die Aufmerksamkeit auf gerade diese Punkte lenken („tell ’em what you’re gonna tell ’em“).

Folgt daraus, dass man also zu Beginn eines jeden Vortrags diese merkwürdigen Gliederungsfolie auflegen muss? Eher nicht.

Betrachten wir doch ein paar typische Beispiele, wie sie wahrscheinlich jeder schon zur Genüge gesehen hat und wie man sie zu Hunderten findet, wenn man bei Google z.B. nach „Gliederung filetype:ppt“ sucht:

1. Beispiel einer Gliederungsfolie2. Beispiel einer Gliederungsfolie3. Beispiel einer Gliederungsfolie4. Beispiel einer Gliederungsfolie

Beispiele typischer Gliederungsfolien

Ist aus diesen Folien die Botschaft des Vortrags erkennbar? Mit Sicherheit nicht. Wird die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf die Punkte gelenkt, die für das Verständnis wesentlich sind? Fraglich. Wird die Botschaft des Vortrags schon einmal genannt, damit sich die Zuhörer während des Vortrags wieder und wieder daran erinnern? Auf keinen Fall.

Das Problem bei allen Beispielen ist letztlich, dass sie dem Zuhörer zwar sagen worüber in dem Vortrag etwas gesagt wird, nicht jedoch darauf einstimmen, was gesagt wird. Zur Erinnerung: „tell ’em what you’re gonna tell ’em“. Und zwar in einer Weise, in der sich die Zuhörer daran erinnern.

Was damit eher gemeint sein könnte, war während der diesjährigen Macworld-Keynote von Steve Jobs sehr schön zu sehen, als er das neue MacBook Air vorstellte (ab 54:24 min). Nach einer kurzen Motivation nennt Steve Jobs gleich die Botschaft, die er seinen Zuhörern vermitteln will (ab 55:04 min):


„Tell ’em what you’re gonna tell ’em“-Folie von Steve Jobs

Das ist es, was die Zuhörer mit nach Hause nehmen sollen: Das dünnste Notebook der Welt. Schon zu Beginn sagt Steve Jobs, was das Publikum mit nach Hause nehmen soll, bevor die Botschaft in der anschließenden Präsentation vielfach aufgegriffen wird und natürlich am Ende noch einmal wiederholt wird. Hätte Jobs die übliche Gliederungsfolie verwendet, sähe sie vielleicht wie folgt aus, was zwar den Inhalt der Präsentation besser wieder gegeben hätte, aber weit weniger wirksam als die Originalfolie ist:

Mögliche Gliederungsfolie für die Macworld-Keynote
Mögliche Gliederungsfolie für die Macworld-Keynote

Letztlich sollte man die klassischen Gliederungsfolien eher als Planungshilfe für den Vortragenden sehen, die aber in einer wirkungsvollen Präsentation selbst selten etwas zu suchen haben. Es dauert in der Regel viel zu lange, die Gliederung zu besprechen. Meist ist sie sowieso zu abstrakt, da den Zuhörern ja noch die Details für das Verständnis der Struktur fehlen. Und letztlich sollte der Erzählfluss und die Struktur einer Präsentation, die gut geplant ist, für das Publikum ohnehin implizit klar werden. (Oder würden Sie als Zuhörer wirklich einen Wink mit dem Zaunpfahl benötigen, dass Sie als erstes die Motivation hören?)

Also auf den Punkt gebracht: Die Gliederung ist etwas für den Vortragenden und nicht für den Zuhörer. Mit Hilfe der Gliederung kann der Redner seinen Vortrag besser strukturieren. Er muss aber seinen Zuhörern nicht ständig einhämmern, was er als nächstes tut. Hat er seinen Vortrag überzeugend strukturiert, folgen die Zuhörer seiner Argumentation ganz von alleine.

Heißt das, man soll ganz darauf verzichten, den Zuhörern zu Beginn einer Vortrags zu skizzieren, was sie erwartet? Nein, nur ist eben weniger interessant worüber man etwas sagt, sondern was man sagt:

Sag ihnen WAS du ihnen sagen willst, nicht WORÜBER du ihnen etwas sagen willst.

[Fotos: stock.xchng