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Was Japan am vergangenen Wochenende widerfahren ist, ist so unvorstellbar, dass ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen mag. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, auch nur eine der Katastrophen zu erleben: ein Erdbeben, das zu den fünf schwersten je gemessenen gehört, danach ein verheerender Tsunami, der ganze Städte auslöscht, und jetzt steht das Land am Rande einer nuklearen Katastrophe, deren Folgen, sollte sie tatsächlich eintreten, weder abschätzbar noch überhaupt vorstellbar sind. Das Land wird Monate, wenn nicht Jahre brauchen, um sich davon vollständig zu erholen. 

Die Bilder, die ich auf Fotos und Videos sah, wirkten wie aus einem Hollywood-Film, nur waren sie leider real. Mit anzusehen, wie Menschen in ihren Autos versuchen, der Flut zu entkommen, während diese unaufhaltsam näher kommt, ist grausam. Diese Bilder der Zerstörung, die vielleicht nur der Anfang sind, machen mich betroffen. 

Wütend aber machen mich die Aussagen des Deutschen Atomforums. Ich kann verstehen, dass man jetzt nichts überstürzen möchte und sollte. Aber die Aussagen über die Sicherheit deutscher Atomkraftwerke, die jetzt an so vielen Stellen platziert werden, sind so irreführend, dass es meine Vorstellungskraft sprengt.

Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums, sagte am Wochenende im ZDF auf die Frage, ob die Sicherheit der 17 deutschen Atomkraftwerke garantiert werden könne:

„Wir haben unsere Anlagen auf der Basis der Anforderungen, die wir haben, auch aufgrund massiver Einwirkung von außen, Überflutungen, Erdbeben, Druckwellen usw. ausgelegt und gehen davon aus, dass diese Auslegung auch den heutigen Ansprüchen genügt. […] Im Moment gehen wir davon aus, dass unsere Anlagen sicher sind und auf der Basis einer gültigen Gesetzgebung hier betrieben werden und dass dieser Betrieb auch verantwortbar ist.“

Als ob Sicherheit etwas mit Anforderungen oder Gesetzen zu tun hätte. Auch das japanische Atomkraftwerk in Fukushima entsprach wahrscheinlich den Anforderungen. Und die waren auch nicht gerade gering. Im erdbebengebeutelten Japan gingen die Anforderungen von Erdbebenstärken bis zu 8,2 aus, die Kraftwerke mussten sogar noch stärkeren Beben (wohl bis zu 8,5) standhalten. Dumm nur, dass das Beben tatsächlich eine Stärke von 8,9 erreichte und einen verheerenden Tsunami nach sich zog.

Hierauf antwortet das Atomforum in einer Pressemitteilung:

„Eine Verkettung eines derart schweren Erdbebens und eines schweren Tsunamis ist in Deutschland nicht vorstellbar.“

Allerdings richten sich Naturkatastrophen nicht nach der menschlichen Vorstellungskraft. Wäre das so, dann wären wir darauf vorbereitet und es gäbe überhaupt gar keine Katastrophen. Alle Erwartungen und Prognosen nützen nichts, wenn sich die Natur nicht daran hält. Und alle Sicherheitsmaßnahmen helfen nicht, wenn sie durch eine noch so unwahrscheinliche Verkettung unglücklicher Umstände trotzdem außer Kraft gesetzt werden. Oder was glauben Sie, hätten wohl die Betreiber der japanischen Atomkraftwerke vor einer Woche auf die Frage nach der Sicherheit Ihrer Kraftwerke geantwortet? Wenn es in Deutschland kein Tsunami wäre, darf man wohl – und zwar mit Sicherheit 100% – davon ausgehen, dass es eine andere mögliche Verkettung unglücklicher Umstände gibt, die die vorbereiteten Sicherheitsmaßnahmen wirkungslos machen könnten.

Es steht auf einem völlig anderen Blatt Papier, ob man sich dafür entscheiden mag, ein mögliches „Restrisiko“ in Kauf zu nehmen, weil man diesen Preis für wirtschaftliche Vorteile zu zahlen bereit ist. Aber zu suggerieren, die deutschen Atomkraftwerke seien sicher, weil sie irgendwelchen (noch so strengen) Vorschriften genügen oder eine bestimmte Art von Naturkatastrophe in Deutschland nicht vorstellbar ist, das ist eine Ungeheuerlichkeit. Ein Restrisiko bleibt ein Risiko – und wenn es eintrifft, sind die Folgen immens. Das kann man hinnehmen, beschönigen muss man es nicht.