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Interview: Juli Gudehus über Kreativität

By 20. Februar 2009Allgemein

 

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Juli Gudehus ist Gestalterin, genau das: Gestalterin, nicht Designerin oder Grafikerin oder sonst irgend etwas. Im vergangenen Jahr durfte ich in einem tollen Vortrag auf dem Forum Mediendesign in Köln erfahren, warum ihr diese Bezeichnung so wichtig ist, und wie vieler Umwege es bedurfte, bis sie selbst sich dessen klar wurde. In dem tief bewegenden Vortrag gab sie den angehenden Studenten einige wertvolle Erfahrungen mit auf den Weg, die sie auf diesen Umwegen gelernt hatte. Drei davon sind bei mir besonders hängengeblieben: sei du selbst (und versuche nicht irgendjemand zu sein, den andere in dir sehen), du bist kreativ (weil du etwas tust), verfolge deine Träume (damit du das tust, was dir wirklich etwas bedeutet).

Bekannt geworden ist Juli Gudehus durch ihre graphische Umsetzung der Genesis, die sie noch während ihres Studiums zum Shootingstar machte. Das Buch erzählt die Schöpfungsgeschichte mit Hilfe von Piktogrammen auf humorvolle und bisweilen tiefgründige Weise. Im März erscheint eine Neuauflage des Werks im Carlsen Verlag.

Ich habe Juli Gudehus gefragt, was für sie Kreativität bedeutet und wie sie neue Ideen findet.

1. Was ist für Sie „Kreativität“?

Eine ganze Reihe von Tätigkeiten werden untrennbar mit Kreativität assoziiert: singen, malen, basteln, stricken, tanzen, Makramee. 

Stimmt das wirklich? einfach so? Unserem Berufszweig, und auch noch ein paar anderen, wird schon von vorneherein die Kreativität zuerkannt. Wir sind die »Kreativen«. Aber sind wir es wirklich? Wir sind kreativ, ein Biochemiker, Bestattungsunternehmer oder Bäcker dagegen nicht. Dieses Vorurteil ärgert mich, vor allem, weil wir es auch noch selber glauben. Und es stimmt einfach nicht. Es gibt verdammt viele »Kreative«, die völlig unkreativ sind. Unkreativ, meine ich, weil ich es nicht für kreativ halte, Bewährtes nachzubeten, und dabei noch nicht einmal zu erkennen, daß man sich damit nicht einen Hauch aus dem breiten Mainstream entfernt. Das ist nicht besser als Kreativität à la Brigitte-Kreativteil. Ein Taxifahrer dagegen, der auf die Idee kommt, während der Fahrt Snacks oder Musik zu verkaufen, ist meiner Meinung nach kreativ. Er selbst wird das vermutlich gar nicht finden. Kommt nicht im Traum darauf. 

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Ich denke, es wird Zeit, daß wir unseren Begriff von Kreativität revidieren. Unabhängigkeit, Urteilsvermögen und Eigenantrieb sind für mich Grundbestandteile wirklicher Kreativität. Eine offene Haltung, die Bereitschaft zu zweifeln, die Fähigkeit Fragen zu stellen, sind für mich Grundvoraussetzung, um zu eigenen, originären Lösungen zu finden, und das möglicherweise an unerwarteter Stelle. Echte Kreativität ist in meinen Augen: der Wille zur Neuschöpfung. Und damit meine ich nicht: an der Oberfläche herumschmirgeln, Elemente schön hinschieben.

2. Wie finden Sie „neue“ Ideen?

Sie finden mich.

3. Was tun Sie, wenn Ihnen einmal einfach nichts einfallen möchte?

Ich kenne drei Wege, die helfen können, den Knoten zu lösen. 

Der eine Weg ist, am Ball zu bleiben. Ich finde überaus hilfreich, alles, was mit dem Vorgang zu tun hat, zu studieren und zu sortieren. Durch diese Arbeit wird die Gehirntätigkeit bei mir oft schon ausreichend angeregt. Wenn das nicht der Fall ist: nochmal studieren und auf andere Weise sortieren, das kann schon helfen. Wenn der Ideenfluß schlimm ins Stocken gerät oder ein Problem unlösbar scheint, halte ich mich an den Rat meines Professors, der mir das Atommodell aufmalte und dazu sagte: „immer in Bewegung bleiben! umkreisen Sie Ihr Problem wie ein Elektron den Atomkern, wechseln Sie die Perspektive, schauen Sie von oben, von unten, von hinten und von der Seite. Aber bleiben Sie immer in Bewegung.“ 

Der zweite Weg ist, den Vorgang beiseite zu legen und sich mit etwas ganz anderem zu beschäftigen. Egal, was das ist – das Hintergrundprogramm in meinem Kopf läuft weiter und durch die Befruchtung mit Gedanken über Anderes kommt es in der Regel ebenfalls zu interessanten neuen Überlegungen. 

Es hat auch – zum Glück selten – Fälle gegeben, wo ich entnervt das Handtuch geworfen habe. Das liegt dann irgendwo rum und ich werde mich zu einem späteren (oder auch zu einem viel späteren) Zeitpunkt wieder damit befassen. Das ist der dritte Weg: Dingen ihre Zeit und ihr Tempo lassen. Manchmal hilft es nicht, eine Lösung erzwingen zu wollen.

Am schwierigsten ist, zu entscheiden, welchen Weg ich in einer mißlichen Lage einschlage.