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Große Zahlen begreifbar machen

By 20. Juli 2009Allgemein


Wir leben in einer Welt der großen Zahlen. Diese Woche las ich beispielsweise, dass der amerikanische Staatshaushalt ein Defizit von 1,8 Billionen Dollar aufweist – für mich eine völlig unvorstellbare Summe. Meist nehmen wir solche Zahlen kopfschüttelnd zur Kenntnis, ohne ihnen aber eine wirklich greifbare Bedeutung geben zu können.

Der amerikanische Fotograf Chris Jordan hat sich genau dieser Aufgabe gestellt. Er möchte es nicht hinnehmen, dass unser Gehirn einfach nicht dafür gemacht scheint, große Zahlen zu begreifen. Mit seinen Bildern bringt er die Konsequenzen von Massenkonsum auf den Punkt, indem er die damit verbundenen unglaublich großen Zahlen begreifbar macht. Und das tut er auf wirklich beeindruckende Weise, wie sein Vortrag auf der TED-Konferenz im vergangenen Jahr deutlich macht:

Jordans Arbeiten sind ein Beleg dafür, wie Bilder eine ganz neue Dimension des Begreifens öffnen, die durch reine Fakten nicht erfahrbar ist. Wir haben alle gelernt, dass 1 Million eine verdammt große Zahl ist. Und irgendwie ist uns auch klar, dass es eine riesige Verschwendung ist, wenn auf amerikanischen Flügen alle 6 Stunden 1 Millionen Plastikbecher weggeworfen werden. Und dennoch wird diese Zahl um so vieles anschaulicher, wenn sie von Jordan visualisiert wird.

Mit meiner Arbeit versuche ich, diese Zahlen aus der Sprache der reinen Daten in eine universellere visuelle Sprache zu übersetzen, die man fühlen kann.

Die visuelle Sprache, die Chris Jordan wählt, zeigt auf den ersten Blick irgendwelche Kunstbilder. Bei näherer Betrachtung ist man regelmäßig überrascht, wie sich dieses Motiv aus unvorstellbar vielen Alltagsgegenständen zusammensetzt:

Eine Millionen Plastikbecher werden alle sechs Stunden auf amerikanischen Flügen verbraucht und nicht wiederverwendet.
Dieses Bild besteht aus 200000 Schachteln Zigaretten. So viele Menschen sterben in den USA alle sechs Monate an den Folgen des Rauchens.
Dieses Bild besteht aus 32.000 Barbie-Puppen. So viele Frauen unterzogen sich 2006 einer freiwilligen Brustvergrößerung.

Jordans Methode wirkt auch deswegen so überzeugend und einprägsam, weil sie Alltägliches in einen unerwarteten Zusammenhang bringt. Überraschungen sind, wie in dem empfehlenswerten Buch Was bleibt nachzulesen ist, eine hervorragende Methode, um Informationen im Gedächtnis zu verankern.

Ich empfehle unbedingt, auch einen Blick auf Chris Jordans Webseite zu werfen. Dort finden Sie noch zahlreiche weitere Beispiele seiner beeindruckenden Arbeit. Seine Beispiele konzentrieren sich zwar weitgehend auf die USA, könnten bei uns aber sicher so ähnlich aussehen. Jedes seiner Bilder lässt einen innehalten und über die Auswirkungen unseres täglichen Handelns nachdenken. Chris Jordan sagt dazu:

Ich glaube daran, dass diese Dinge für uns eine viel größere Bedeutung haben werden, wenn wir sie nur besser begreifen.

Ich halte die Arbeiten von Chris Jordan für eine wunderbare Quelle der Inspiration. Sie zeigen eindrucksvoll, wie nützlich es ist, reines Faktenwissen anschaulich zu machen und die Bedeutung von abstrakten Zahlen verständlich zu machen. Im folgenden möchte ich Ihnen noch drei weitere Inspirationsquellen ans Herz legen, die Ihnen Wege zeigen, abstrakte Zahlen mithilfe von interessanten Visualisierungen greifbarer zu machen.

1. So isst der Mensch

Der Fotorgraf Peter Menzel hat zusammen mit seiner Kollegin Faith D’Aluisio die Welt bereist, um zu zeigen, wovon wir uns ernähren. Auf ihrer Reise haben die beiden 30 Familien in 24 Ländern besucht und dabei festgehalten, was bei diesen Familien eine Woche lang auf den Tisch kommt. Neben einer sorgfältigen Analyse dieser Daten machen die beiden ihr Projekt vor allem dadurch sehr anschaulich, dass sie jede Familie mit ihrer Wochenration fotografieren. Die Ergebnisse haben sie in ihrem eindrucksvollen und einprägsamen Buch Hungry Planet festgehalten. Eine Vorschau des Buches gibt es bei Google Books.

Während Chris Jordan in seinen Bildern vor allem mit Überraschungsmomenten arbeitet, funktionieren Menzels Bilder vor allem deswegen, weil sie abstrakte Statistiken sehr konkret machen, ein weiteres der sechs Prinzipien aus dem oben bereits erwähnten Buch Was bleibt.

Beispiele aus dem Hungry-Planet-Projekt
Beispiele aus dem Hungry-Planet-Projekt

2. Wenn die Welt ein Dorf wäre

Eines ganz ähnlichen Tricks bedient sich das Projekt Miniature Earth, das es mittlerweile in zahlreichen Ausprägungen gibt. Es veranschaulicht Statistiken über die Weltbevölkerung auf Basis der Annahme, die Welt sei ein Dorf mit genau 100 Einwohnern. Dadurch können Prozentwerte unmittelbar in Einwohnerzahlen angegeben werden. Das klingt auf den ersten Blick wie ein bisschen Mogelei, weil Prozentzahlen eben eher abstrakt als konkret sind. Dennoch funktioniert es hier sehr gut, weil wir eine Menge von 100 Personen recht gut überschauen können. So werden aus abstrakten Prozentzahlen, die sich auf die gesamte Weltbevölkerung beziehen, plötzlich konkrete Personen; mit 10% assozieren wir hier eben nicht 600 Millionen Menschen, sondern nur 10, die wir uns vielleicht sogar bildlich vor dem inneren Auge vorstellen.

Beispiele aus dem Grafikprojekt

3. Erkenntnisse eines Mobilfunkproviders

Abschließend möchte ich noch auf eine Werbung des amerikanischen Mobilfunkkonzerns Sprint hinweisen, der in seinen Werbespots mit Statistiken über die Nutzung seines Mobilfunknetzes wirbt. Was sich auf den ersten Blick völlig trocken anhört, ist tatsächlich eine spannende Aufzählung amüsanter Erkenntnisse:

Wenn Sie das nächste Mal Statistiken oder abstrakte Zahlen präsentieren müssen, dann überlegen Sie sich doch einmal, wie Sie diesen Zahlen etwas mehr Leben einhauchen können. Denken Sie darüber nach, wie Sie die Zahlen greifbarer und konkreter machen können, um Ihre Präsentation noch verständlicher und einprägsamer zu machen.

Links zu dem Artikel
Interview mit Chris Jordan zu seiner Arbeitsweise
Blog information aesthetics, der immer wieder Beispiele gelungener Visualisierungen vorstellt
Ein Tag im Leben von …
Schwerpunkt Kreativität
Die Kunst der Langsamkeit
Buchempfehlung: Was bleibt