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Die beleidigte Leberwurst

By 14. September 2015Allgemein

Bevor Sie auf einer wissenschaftlichen Konferenz einen Beitrag veröffentlichen können, durchläuft Ihr Beitrag normalerweise einen sog. Reviewprozess. Mindestens drei unabhängige Wissenschaftler begutachten den Beitrag nach Kriterien wie „Neuheit“, „Relevanz“, „Korrektheit“ etc. Bei guten Konferenzen fallen ca. 90% und mehr der Beiträge in diesem Reviewprozess durch.

Die Ablehnungsemail enthält (bei guten Konferenzen) detaillierte Kommentare der Gutachter, die begründen, warum der Beitrag abgelehnt wurde. Genau jetzt passiert etwas bemerkenswertes. Der typische Wissenschaftler reagiert mit Groll: „Das steht doch auf Seite 3.“ oder „Das hat er völlig falsch verstanden.“

Natürlich ist es völlig irrelevant, ob ich der Meinung bin, meine Erklärung auf Seite 3 sei ausreichend. Ganz offensichtlich habe ich es nicht gut genug erklärt, wenn der Gutachter es falsch verstanden hat. Und nein, es spielt keine Rolle, ob er es nur flüchtig gelesen hat. Die Verschwörungstheoretiker gibt es auch: „Ist ja klar, dass der Beitrag von Professor Scantilor angenommen wurde, der kennt ja einen im Gutachterausschuss.“ Tatsache ist aber (fast immer), dass Scantilors Beitrag wirklich besser war.

Die beleidigte Leberwurst hilft niemandem weiter. Viele gute wissenschaftliche Beiträge sind gerade deswegen so gut, weil sie vorher mehrfach abgelehnt wurden und mit Hilfe der Gutachterkommentare verbessert werden konnten.

Klar, manch ein Kritiker entpuppt sich am Ende doch als Miesepeter. Aber auf Dauer profitieren Sie, wenn Sie Kritik ernst nehmen, gerade wenn Sie aus dem Publikum kommt. Vergessen Sie nicht, dass Sie immer vom Fluch des Wissens bedroht sind. Sie wissen, was die Definition auf Seite 3 bedeutet, Ihr Publikum muss es aus Ihren Worten (und Bildern) verstehen. Auch bedroht Sie der Wunsch, Recht zu haben, während objektiv betrachtet Ihre Argumentation vielleicht doch nicht ganz schlüssig ist.

Nur weil Sie selbst Ihren Text – oder Ihre Präsentation – gut erklärt und einleuchtend argumentiert finden, ist er es nicht zwangsläufig für andere. Nehmen Sie es denen, die darauf hinweisen, nicht übel.