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Das beste Licht

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Wenn Sie ein Produkt verkaufen möchten, dann versuchen Sie das, was Sie haben, in einem möglichst positiven Licht zu präsentieren. Stärken verstärken, Schwächen abschwächen, wenn nicht gar unter den Tisch kehren, auch mal Fünfe gerade sein lassen. Bloß keine Zweifel beim Publikum aufkommen lassen. Ihm am besten erst gar keine Möglichkeit geben, zu hinterfragen. Vom ersten Moment an begeistern. Möglichst viel Wow also. Das Tempo so hoch, dass das Publikum von Anfang an wie auf einer Achterbahnfahrt atemlos ist. Es soll gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen.

Dabei ist es genau umgekehrt: Wenn das Publikum auf dumme Gedanken kommt und trotzdem kauft, dann erziele ich langfristiges Vertrauen und zufriedene Kunden. Nicht Wow zählt hierbei, sondern Aha. Wenn die Kunden kaufen, weil sie alles wissen. Wenn die Kunden sich für Sie entscheiden und die Nachteile bewusst in Kauf nehmen, weil Sie sie überzeugt haben, dass es das wert ist. Weil Sie Ihr Produkt so gut wie möglich gemacht haben und es so realistisch wie möglich präsentiert haben.

Realistisch.

Klingt beängstigend?

Nur, wenn die Realität traurig ist und kein Aha bereit hält. Am Ende ist es eine Entscheidung, die man treffen muss:

Will ich meine Energie in eine Präsentation stecken, mit der ich Kunden überreden kann, ein mittelmäßiges Produkt zu kaufen? Oder stecke ich sie in die Entwicklung eines Produkts, das sie kaufen wollen?

Tue ich so, als ob mein Produkt keine Schwäche hätte, oder akzeptiere ich ganz bewusst, dass Produkte immer ein Kompromiss sind?

Will ich everybody’s darling sein oder somebody’s love?

Setze ich in meiner Präsentation auf Wow oder auf Aha?

Beängstigend klingt das nur dann, wenn man sich diese Gedanken erst bei der Erstellung der Präsentation macht und nicht schon bei der Produktentwicklung.

Und ja: auch großartige Produkte kann man noch grottig präsentieren. Man sollte es aber nicht.

Das wird so erwartet

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„In unserer Branche ist das so üblich. Unsere Kunden erwarten das so.“

Bullshit.

Nicht ein einziges Mal in meinem ganzen Leben bin ich bisher jemandem begegnet, der eine langweilige Präsentation einer unterhaltsamen vorziehen würde.

Aber was erwarten Ihre Kunden denn dann?

Die Kunden erwarten, dass – wenn einer schon keinen Spannungsbogen hat, wenn einer schon nicht zum Punkt kommt, wenn er schon die ganze Zeit nur über sich redet, dass er dann wenigstens die Fakten auf die Folien schreibt. Wenigstens das.

Ihre Kunden sind auf das Schlimmste gefasst, weil sie es nicht anders kennen. Sie haben sich damit arrangiert. Sie wissen nicht, wie gut ein Vortrag sein kann. Und wie ein guter Vortrag aussehen muss. Sie kennen nur die schlechten. Selbstverständlich erwarten Ihre Kunden also, dass Sie es so machen, wie alle es machen.

Und nicht noch schlimmer.

Sie erwarten, dass Sie auf Klischeebilder verzichten, auf denen sich zwei Zahnmodels grinsend die Hände schütteln, dass Sie keine flachen Gags und langatmige Anekdoten erzählen, die weder spannend noch lustig sind und nicht einmal einen Bezug zum Thema haben. Zu recht. Ihre Kunden wollen, dass Sie wenigstens sachlich bleiben. Wenigstens das.

Allerdings: Niemand erwartet, dass Sie Ihren Vortrag langweiliger machen als nötig. Niemand ärgert sich, wenn es hochspannend wird und wenn die Bilder ins Schwarze treffen.

Also hängen Sie die Latte doch nicht so tief. Verstecken Sie sich nicht hinter nutzlosen Folien, nur weil alle es tun.

Wenn Sie etwas zu sagen haben, was Ihre Kunden hören wollen, wenn Sie einen Spannungsbogen haben, bei dem jeder von den ersten Worten an gebannt folgt, wenn Ihre Zuhörer immer mehr wissen wollen, weil Sie sie neugierig gemacht haben, und wenn das alles auch noch Spaß macht … wer sollte dann schlechte PowerPoint-Folien vermissen?

Erwarten Sie mehr von sich als Ihre Kunden.

War früher mehr Wow?

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Roland Lindner beklagt sich in der FAZ vom 15.11.2017 darüber, dass Apple zwar wirtschaftlich überaus erfolgreich sei, aber nicht innovativ genug:

Nach wie vor sind die Produkte des Unternehmens großartig. Was von Apple kommt, ist üblicherweise hochwertig, sieht gut aus und funktioniert fast reibungslos. Dass der Konzern für seine Geräte sowohl Hardware als auch die Software entwickelt, hilft ihm, Dinge aus einem Guss zu liefern. Aber wann hat er zum letzten Mal Maßstäbe gesetzt, wie er es einst mit dem ersten iPhone tat? Die Wow-Momente sind selten geworden.

Apple hat noch nie auf Wow-Momente gesetzt. Gerade deswegen ist der Erfolg so nachhaltig.

Wow-Momente sind gerade nicht nachhaltig, können es nicht sein. Wow-Momente wirken kurzfristig. Sie erzeugen einen starken, aber kurzen Moment der Befriedigung. Doch der geht vorüber, wenn ihm kein Aha-Moment folgt. Schlimmer noch: Wow-Momente führen in einen Teufelskreis. Jeder Wow-Moment erfordert, dass der nächste noch größer wird. Wow-Momente wollen übertroffen werden, denn was gestern noch wow war, ist heute schon gähn.

Das ist nicht die Methode von Apple und es war sie nie, weder beim iMac (kein Diskettenlaufwerk, echt jetzt?), noch beim iPod („No wireless. Less space than a nomad. Lame!“), noch beim iPhone (keine Tastatur, um eMails zu schreiben!). Gerade beim iPhone nicht. Schauen Sie sich die Keynote ruhig noch einmal an und achten Sie darauf, wie viel Zeit Steve Jobs investiert, um zu erklären, warum er weder Tastatur noch Stift für sinnvoll hält. Ein Feuerwerk, eine Achterbahn-Show sucht man dagegen vergebens. Ihm geht es gerade nicht um Wow, sondern um Aha. Er will, dass die Zuschauer sehen. Ihn verstehen. Ihm glauben. Er will den Aha-Effekt.

Das ist auch heute noch so. Apple setzt auf den Aha-Effekt. Nicht bei jedem, sondern bei seinen Fans.

Apple ist ein Unternehmen, das ganz bewusst darauf verzichtet, „everybody’s darling“ zu sein. Es setzt darauf, dass seine Kunden gerade schätzen, was Lindner beschreibt: „Was von Apple kommt, ist üblicherweise hochwertig, sieht gut aus und funktioniert fast reibungslos“. Sie schielen auf den Aha-Effekt bei genau diesen Kunden. Sie setzen auf deren Vertrauen. Nicht auf deren Wow-Moment.

Wow-Momente sind nicht das Mittel, um langfristig Vertrauen aufzubauen. Ich würde nicht darauf warten, dass Apple so bald einen liefert.

Die große Storytelling-Keule

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Der Erste erzählt den Handwerkern, was es Neues gibt.

Der Zweite sagt: „Das kann ich besser!“, und erzählt den Handwerkern, inwiefern die neuen Produkte viel besser sind als die alten. Und als die der Konkurrenz sowieso.

Der Dritte sagt: „Das kann ich besser!“, und erzählt den Handwerkern, wie Handwerker mit seinen neuen Produkten zu besseren Handwerkern werden.

Dem Vierten liegt am Herzen, dass die Handwerker tatsächlich bessere Handwerker werden.

Viel Marketing-Bullshit entsteht, weil der vierte Schritt nicht getan wird. Weil erst hinterher – wenn das Produkt schon lange fertig ist – überlegt wird, wie man es dem Kunden möglichst schmackhaft macht. Dann wird die große Storytelling-Keule geschwungen. Der Kunde soll sich identifizieren, soll zum Helden einer grandiosen Success-Story werden.

Das ist eines der großen Missverständnisse beim Storytelling.

Ja, mit Stories kann man die Zuhörer zu Helden machen. Ja, mit Stories kann man Emotionen wecken. Und ja, mit Stories kann man den Das-Kann-Ich-Auch-Effekt erzielen.

Aber solange es Ihnen im Grunde schnuppe ist, ob das auch den Tatsachen entspricht, solange Sie es nur machen, weil es gut klingt, solange ist es eben nicht mehr als Bullshit.

Es geht aber nicht um gut klingen, sondern um gut sein, denn Bullshit gefährdet auf Dauer das Vertrauen.

Umgekehrt gilt: Wer hinten anfängt, wer bei der Frage beginnt, was denn die Kunden überhaupt brauchen und womit die Kunden zum Helden ihrer tatsächlichen Story werden, der hat keine Schwierigkeiten, es seinem Publikum zu erklären. Denn der weiß schon bei der Entwicklung, in welcher Story die Kunden überhaupt mitspielen, welche Hürden sie darin überwinden müssen, was ihnen wichtig ist. Und der hat dann nicht nur ein Produkt, dass diese Bedingungen erfüllt, sondern auch eines, dass er spannend präsentieren kann, z.B. mit einer guten Story.

Wozu eigentlich Folien?

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Es gibt nur einen vernünftigen Grund dafür, dass Menschen in einem Raum zusammenkommen, um einem anderen Menschen bei einer Präsentation zuzuhören: Die Präsenz des Vortragenden fügt etwas hinzu, dass durch den reinen Inhalt und die Darstellung auf den Folien alleine nicht transportiert werden kann.

Der Grund für eine Präsentation vor Menschen ist der Redner.

Wäre das nicht so, könnte man genauso gut ein Dokument verschicken.

Welche Rolle spielen also Folien? Dokumentation des Gesagten? Gedankenstütze für den Redner? Unterstreichung dessen, was er sagt?

Nein. Nichts davon. Als Dokumentation des Gesagten, also als Handout, müssen Folien viel Text enthalten und schaden daher im Vortrag. Folien, die Gedankenstütze für den Redner sind, lenken die Zuhörer bloß vom Redner ab. Dafür gibt es sinnvollere Optionen. Als Unterstreichung dessen, was der Redner sagt, sind Folien unnötig, wenn der rote Faden stimmt und wenn der Redner artikuliert und betont vorträgt.

Wofür also dann Folien? Nicht für den Vortragenden, sondern für die Zuhörer. Eine Folie ist für die Zuhörer dann sinnvoll – und nur dann – wenn sie dem Vortrag etwas hinzufügt, was ich als Redner nicht oder nicht so gut liefern kann. Eine Folie brauche ich im Vortrag z.B. dann, wenn sie etwas konkret sichtbar macht, was durch meine Worte abstrakt bliebe, weil es sich die Zuhörer nicht vorstellen können. Ich brauche sie, wenn sie einen Vergleich zwischen Größen begreifbar macht, der durch die reine Beschreibung vage bliebe. Ich brauche sie, um Emotionen auszulösen, für die ich – wollte ich sie mit einer Geschichte auslösen – erheblich länger bräuchte, um sie auszulösen. Ich brauche sie, wenn sie etwas klarer machen, als ich es mit Worten beschreiben könnte. Ich brauche sie, um etwas nachzuweisen, was man mir sonst nicht glauben würde.

Drei Fragen hat jeder Zuhörer: Betrifft mich das? Glaub’ ich das? Versteh’ ich das? Wenn eine Folie hilft, eine dieser drei Fragen besser zu beantworten, als es durch meinen mündlichen Vortrag möglich wäre, dann sind Folien (oder ein anderes Medium) sinnvoll. Sonst nicht.

Wünsche an die Schulzeit

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Ich wünschte, Lehrer wären ähnlich besessen von Verständlichkeit, wie sie von Korrektheit besessen sind.

Ich wünschte, sie wären von Übersichtlichkeit ähnlich besessen, wie sie von Vollständigkeit besessen sind.

Denn Wissen sollte keine Einbahnstraße sein. Was reinkommt, soll auch wieder rauskommen. Gefiltert, verarbeitet, neu durchmischt und angereichert … aber dann wieder raus, so klar wie möglich.

Gedanken werden klarer, wenn man sie klar aussprechen kann. Ideen fließen weiter, wenn man sie teilen kann. Wissen ist mehr wert, wenn man es weitergeben kann.

Let’s Talk – Staffel 2: Mach’ ma’n Satz draus, Alter!

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Wir müssen reden. Über Kommunikation. Denn es ist Zeit für die 2. Staffel von Let’s Talk.

Ich habe wieder spannende Gespräche mit interessanten Persönlichkeiten aus der Kommunikations- und Designwelt geführt und wieder sind dabei manche verrückte Idee, kontroverse Diskussionen, viel Meinung und noch mehr Neugier zu allem rund um das Thema Kommunikation herausgekommen: von der Vorbereitung bis zum Auftritt, von Text bis Design, von Comedy bis Drama und von Kunst bis Kommerz.

Heute zu Gast: Anke Tröder, die seit 25 Jahren an der HAWK Hildesheim lehrt und dort die Präsentationswerkstatt leitet.

Wir haben uns unterhalten über leidenschaftliche Gründer und über Designer, die vor lauter Bild den Text nicht sehen, über verzaubernde Schüchterne, die etwas zu sagen haben, über Museumsführer, die mich durch ihre Gedanken führen, über Vorträge, die einen verführen, und Vortragende, in die man sich verliebt … und natürlich über diese wichtige Regel: „Mach’ ma’n Satz draus, Alter!“

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Druckfrisch: Mein Buch „Der Aha-Effekt“

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In den letzten Monaten war es hier im Blog ruhiger als früher. Ich schrieb nicht mehr wöchentlich neue Artikel, sondern bisweilen vergingen sehr viel längere Zeiträume zwischen neuen Artikeln. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist seit heute sichtbar: Mein Buch „Der Aha-Effekt.“

Schon oft bin ich nach Keynotes oder Workshops gefragt worden, warum ich denn nicht einmal all das, was ich gesagt habe, kompakt in einem Buch aufschreibe. Ich habe lange gezögert, dieser Bitte nachzukommen und tatsächlich ein Buch zu schreiben, denn es mangelt nicht gerade an Präsentationsbüchern. Erst als ich einen Weg gefunden hatte, das, was ich zu sagen habe, auf eine Weise zu sagen, wie sie noch nicht millionenfach gedruckt wurde, habe ich mich voll in das Projekt „Buch“ hineingestürzt.

Ich wollte kein Buch schreiben, das Ihnen sagt: Tun Sie dies und lassen Sie das. Es ist kein Rezeptbuch geworden. Weil es keinen Sinn hätte, Rezepte nachzukochen, ohne zu wissen, welche die richtigen sind. Ohne zu wissen, wie eigentlich eine gute Präsentation schmecken muss. Den Zuhörern. Ihren Zuhörern. Denn nur darauf kommt es an.

In meinem Buch „Der Aha-Effekt“ lernen Sie deshalb, selbst zu kochen statt Rezepte zu befolgen. Sie lernen, worauf es ankommt, damit bei Ihren Zuhörern ankommt, was Sie zu sagen haben.

Sie lernen, die richtigen Fragen zu stellen. Die Fragen, die Sie zum Kern dessen vordringen lassen, was Sie zu sagen haben. Die Ihnen schonungslos zeigen, ob das Ihre Zuhörer überhaupt interessiert. Sie lernen, die Perspektive Ihrer Zuhörer einzunehmen. Denn nur so können Sie sie erreichen, berühren und überzeugen.

Das ist Arbeit. Harte Arbeit, die Ihnen niemand abnimmt. Aber nach diesem Buch werden Sie wissen, worauf es dabei ankommt.

Vorausgesetzt, Sie haben etwas zu sagen.

Das 160-seitige Buch ist im Midas Verlag erschienen und überall erhältlich, wo es Bücher gibt, z.B. direkt beim Verlag oder bei Amazon.

Alle Infos zum Buch finden Sie auf der Buch-Homepage: http://ueberzeugend-praesentieren.de/aha-effekt

Vom Thema her oder vom Zuhörer her denken

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Man kann eine Präsentation vom Thema her oder vom Zuhörer her denken.

Wer vom Thema her denkt, denkt logisch und chronologisch: „Lieber vollständig als verstanden. Wenn das Thema trocken, kompliziert oder abstrakt ist, dann ist das so. Ich kann dafür nichts, denn es liegt am Thema. Dieses und jenes kann ich unmöglich weglassen und das hier kann man nicht vereinfachen. Mir sind da die Hände gebunden. Ob die Zuhörer es verstehen, liegt eben auch an den Zuhörern.“

Wer vom Zuhörer her denkt, denkt empathisch und didaktisch: „Lieber verstanden als vollständig. Ich kann immerhin die Neugier der Zuhörer wecken, damit sie nachher mehr wissen wollen … statt sie abzuhängen, weil sie irgendwann frustriert abschalten. Abstrakte Themen gibt es nicht, wenn man sie in die Sprache der Zuhörer übersetzt. Trockene Themen auch nicht, wenn man sie in das Leben der Zuhörer überträgt. Dass die Zuhörer verstehen, ist meine ureigenste Aufgabe als Vortragender.“

Ich mach’ das spontan

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Eines der größten Missverständnisse über Spontaneität ist, dass man spontan nur sein kann, wenn man sich nicht vorbereitet. Das Gegenteil ist der Fall. Fähig zu Spontaneität ist gerade derjenige, der auf viele Situationen vorbereitet ist, so dass er auch in unvorbereiteten Situationen mit höherer Wahrscheinlichkeit angemessen reagieren kann.

Ein guter Musiker etwa improvisiert deswegen so gut, weil er sein Handwerk beherrscht, technisch wie theoretisch. Weil er weiß, welche Tonart zu welcher anderen passt, wie man Spannung aufbaut und wie man sie wieder auflöst, was zu tun ist, wenn man mal auf der falschen Note gelandet ist, weil – wie Miles Davis einst sagte – erst die nächste Note sie gut oder schlecht macht. Ein geübter Improvisator hat schon viele falsche Noten gespielt. Er hat viele Kombinationen probiert, die mal funktionieren und mal nicht. Und er lernt daraus. Er verbessert stetig seine Spieltechnik, damit seine Hände wissen, was sie zu tun haben, wenn der Kopf etwas denkt. So ist der Kopf eben frei zu denken und nicht beschäftigt mit Kommandieren. Auch deshalb kann er leichter auf Unvorhergesehenes reagieren, kann auf das Publikum eingehen, mit seinen Mitmusikern interagieren. Gerade weil er gut vorbereitet ist.

Zwar mag auch, wer wenig Erfahrung hat oder sich nicht mit möglichen Fehlern beschäftigt hat, in unerwarteten Situation durchaus angemessen reagieren, möglicherweise auch ganz spontan; manchmal kommt das Gute aus völlig unerwarteter Richtung. Allerdings eben zufällig. Nich verlässlich. Nicht dann, wenn man es braucht.

Spontaneität als verlässlicher Partner

Wenn Spontaneität aber erst dann zum verlässlichen Partner wird, wenn man sich ordentlich vorbereitet hat, warum scheuen dann so viele Vortragende die Vorbereitung? Winden sich, prokrastinieren, reden sich heraus, indem sie sagen „Spontan wirke ich natürlicher“? Lisa Braithwaite vermutet in ihrem Buch „Presenting for Humans“:

I have a theory about why preparation is so painful and difficult for speakers. I think speakers who “wing it” are far more afraid of failure and rejection than those who prepare, although it might seem to be the opposite.

[…]

What happens if you prepare and still fail? That’s the ultimate reality you’re trying to avoid, because perhaps then you’ve really wasted your time. You think, “What’s the point? If I prepare, I still suck, so why bother?”

Indem ich also auf die sorgfältige Vorbereitung verzichte, befreie ich mich von der Last des möglichen Scheiterns. Denn im Zweifel war’s einfach nicht mein Tag. Und überhaupt kann ich im Nachhinein ja auch immer vorbringen: Hätte ich mich mehr vorbereitet, dann hätte ich es ja auch viel besser gemacht. Wenn umgekehrt alles gut läuft, ja dann kann ich sogar stolz auf mich sein, weil ich das alles aus dem Ärmel geschüttelt habe. Denn ich bin eben ziemlich spontan.

Bin ich vielleicht. Oder ich habe einfach nur Glück gehabt.

Darauf möchte ich mich aber nicht verlassen. Ich möchte meinen Kopf frei haben zum Denken. Möchte wissen, was als Nächstes kommt, nicht ständig nach den passenden Übergängen suchen und um Worte ringen. Möchte meinen Kopf nicht belasten mit der Suche nach dem roten Faden. Nicht ständig falsche Töne korrigieren. Ich möchte, dass mein Kopf frei und wach ist, wenn ich im Fall der Fälle spontan reagieren muss, um aus einem unerwarteten, falschen Ton einen richtigen zu machen.